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EURO: Ein Klassiker und zwei Top-Favoriten

Juni 28, 2021Juli 12th, 2021

Die zweite Hälfte des Achtelfinals startet an diesem Montag unter anderem mit einem echten Fußball-Klassiker im Wembley Stadium. Zwei Titelanwärter haben es derweil mit unangenehmen Aufgaben zu tun. Ein Überblick.

Kroatien – Spanien

Spanien ist vielleicht die außergewöhnlichste Mannschaft bei dieser EM. Die Iberer verzeichneten bei ihren ersten drei Gruppenspielen 69,3 Prozent Ballbesitz im Durchschnitt. Aber sie taten sich lange schwer mit dem Erzielen von Toren. Zur großen Streitfigur hat sich Mittelstürmer Álvaro Morata entwickelt, der regelmäßig aussichtsreiche Torchancen liegen lässt. Der Unterschied zu früheren spanischen Teams besteht vor allem darin, dass die Angriffe darauf ausgelegt sind, den Stürmer zu bedienen. Beim EM-Titelgewinn 2012 zum Beispiel hatte Spanien eine ganze Reihe an Torjägern und keinen einzelnen Zielspieler vorn. Beim 5:0-Sieg gegen die Slowakei zum Abschluss der Gruppenphase waren es vor allem Standardsituationen, die zum Erfolg führten.

Spanien gehört aufgrund der spielerischen Dominanz, die ausgestrahlt wird, trotzdem zum Favoritenkreis. Anders sieht das bei Kroatien aus. Der WM-Finalist von 2018 ist in die Jahre gekommen und hat nicht mehr jene Offensivpower wie einst. Die Viererkette wirkt weiterhin recht stabil, was ein Erfolgsrezept 2018 war, aber davor läuft der Ballträger durch die Reihen. Luka Modrić, der womöglich beste kroatische Fußballer aller Zeiten, hatte gegen Schottland noch einmal einen Gala-Auftritt. Es wird gegen Spanien darauf ankommen, dass er im Duell mit Koke und Sergio Busquets, zwei langjährige Rivalen in LaLiga, die Oberhand behält. Andernfalls hat Kroatien keine realistische Chance auf ein Weiterkommen.

Frankreich – Schweiz

Bei beiden Mannschaften gibt es seit Wochen allerlei Nebenkriegsschauplätze. Während Teile der Schweizer Mannschaft, allen voran Granit Xhaka behauptet, man wolle sie daheim für Sportwagen und umstrittene Tattoos “kaputt machen”, entbrannte um die Équipe eine Art Kulturkampf, weil es im Land nicht jedem passt, dass Karim Benzema wieder mit dabei ist und dass insgesamt die Mannschaft von der Kultur der Einwandererviertel mitgeprägt wird. Zudem ist sich auch intern nicht jeder grün, aber das ist bei den Franzosen auch nichts Neues.

Bedenklicher für Nationaltrainer Didier Deschamps sollten die spielerischen Leistungen sein. Sowohl gegen Ungarn als auch Portugal war die Offensive zu zahm. Deschamps‘ Entscheidung, Antoine Griezmann auf der rechten Seite spielen zu lassen, hat bislang eher negative Auswirkungen auf das eigene Spiel. Ohne Zehner hinter Benzema und Kylian Mbappé fehlt den Franzosen einer, der den finalen Pass durch die Schnittstellen spielen kann. Das Spiel wird deshalb weiträumiger, aber ist von kompakten Verteidigungen auch besser zu neutralisieren. Durch Defensivstärke sind die Schweizer bei dieser EM noch nicht in Erscheinung getreten. Das muss sich gegen Frankreich ändern, ansonsten ist Schluss für die “Nati”.

England – Deutschland

Zum 37. Mal treffen diese beiden Nationalteams aufeinander. Seit dem WM-Finale von 1966 hat Deutschland 15 der 24 Duelle für sich entschieden. Die DFB-Elf ist auf der Insel gefürchtet, auch wenn immer mehr Engländer realisieren, dass die Deutschen momentan nur wenig gemein haben mit den Teams von 1970 oder 1990. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass es viele Ähnlichkeiten zwischen beiden Mannschaften und deren spielerischen Ansätzen gibt.

Sowohl Gareth Southgate als auch Joachim Löw verfolgen recht dogmatische Ansätze. Southgate möchte spielerische Stabilität und defensive Absicherung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken. Das Resultat: England hat noch kein Gegentor kassiert, aber auch nur selten das offensive Potenzial rund um Harry Kane und Raheem Sterling voll ausgeschöpft. Die “Three Lions” erinnern ein wenig an Portugal beim EM-Sieg 2016.

Löw wiederum versucht, spielerische Dominanz zu erzeugen und bei Angriffen die Außenbahnen zu bespielen. Das Resultat: Gegen Portugals kompakte Verteidigung hatten die Flügelläufer Robin Gosens und Joshua Kimmich viele Freiräume und konnten von außen attackieren. Gegen Ungarns Fünferkette jedoch kamen die beiden nicht zur Geltung und das deutsche Angriffsspiel erlahmte. Bundestrainer Löw lässt sich von seiner Marschroute aber nicht mehr abbringen und wird sicherlich auch gegen England versuchen, mit Diagonalbällen und Flankenläufen zum Ziel zu kommen.

Die Engländer könnten ihrerseits ein Augenmerk auf die Stabilität im Mittelfeldzentrum legen, wo mit Declan Rice und Kalvin Philips zwei intelligente Defensivakteure aufgeboten werden. Aus dieser stabilen Mitte heraus wird das Umschaltspiel nach vorn aufgezogen. Die Deutschen hatten bislang Probleme mit der Konterabsicherung und Rückwärtsbewegung nach Ballverlusten. Das muss sich gegen England ändern.

Schweden – Ukraine

Das große Außenseiterduell des Achtelfinales bestreiten diese beiden Nationen. Die Schweden rund um Antreiber Emil Forsberg sollten Dynamikvorteile gegen die recht langsamen Ukrainer haben. Beide Trainer setzen auf konventionelle taktische Systeme und hoffen vor allem auf die individuellen Qualitäten ihrer Offensivstars. Bei den Schweden sind das der angesprochene Leipzig-Profi Forsberg sowie der Ex-Dortmunder Alexander Isak. Auf Seiten der Ukrainer ruht die Hoffnung unter anderem auf einem anderen Ex-Dortmunder, nämlich Andriy Yarmolenko, sowie Mittelfeldmotor Oleksandr Zinchenko.