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“Herr Voglsinger, welche Auswirkungen hat Corona auf den Nachwuchsfußball?”

Juni 15, 2020März 12th, 2021

Herr Voglsinger, Sie waren neben zahlreichen Stationen in Österreich auch in Niedersachsen für den Fußballverband, sowie bei Red Bull in Ghana tätig. Wie sahen Ihre Aufgabenbereiche dieser jeweiligen Stationen aus?

Bei RB Ghana war ich im Fußballtechnikbereich tätig und beim niedersächsischen Fußballverband war ich für die Trainerfort- und -weiterbildung, sowie die Lizenzabnahme zuständig. Um das einordnen zu können: der niedersächsische Fußballverband ist größer als der ganze Österreichische. Ich habe in Deutschland Fußballmanagement studiert und habe dort einen Kollegen kennengelernt, der mich gefragt hat, ob ich einen Fußballtechnikvortrag halten kann. Er hat meine Trainingseinheiten in Wien angeschaut und war davon recht begeistert. Den Vortrag habe ich dann auch gemacht und der Verantwortliche kam zu mir und fragte, ob ich mir das auch für einen längeren Zeitraum vorstellen könnte. Somit hatte ich dann ein Steckenpferd in der Ausbildung Technik und Taktik.

Welche Hauptauswirkungen sind für Sie durch die Corona-Krise auf den Nachwuchsfußball speziell auf die Entwicklung von Nachwuchsspielerinnen und Spielern erkennbar?

Den Lockdown, wodurch keiner einen Kontakt hatte, sehe ich immer von zwei verschiedenen Seiten. In erster Linie war es gut für Spieler, Spielerinnen, Schüler und Schülerinnen. Man verlangt ja immer eine gewisse Eigenmotivation und Selbstständigkeit, da war es interessant zu sehen, was die Spieler jetzt eigentlich zuhause machen, wenn sie keinen Trainer ständig neben sich haben. Machen sie ihr Techniktraining in der Wohnung oder im Garten? Wie gehen sie schulisch mit der Situation um? Schaffen sie es ihre Aufgaben zu bewältigen, fernab von der Schule? In punkto Eigenverantwortung finde ich es gar nicht so schlimm, dass es mal so gekommen ist. Man muss dann nur aufpassen, es ist ja um mehrere Wochen gegangen, dass der soziale Kontakt nicht auf Dauer fehlt. Das ist für die Entwicklung des Kindes weniger fördernd. Was die Ausbildung betrifft, fällt ja alles weg. In der Schule gibt es keinen Turnunterricht. In der fußballbezogenen Schule hast du normal zusätzlich Trainings, Mannschaftstrainings und am Wochenende das Spiel. Und jetzt von dem Ganzen, gar nichts mehr. Man muss aufpassen, dass nicht etwas in der Ausbildung fehlt. Es ist wichtig Technik mit Ball und körperlich was zu machen. Mein Spruch ist immer: 'Beherrsche den Ball, beherrsche den Gegner!' Aber es ist auch ganz wichtig, dass die Spieler Eins gegen Eins oder Eins gegen Zwei-Situationen lösen. Das benötigen sie auch extrem, nur durch Hütchen zu laufen, macht auf Dauer keinen Sinn. Da gilt es darauf zu achten, dass es keine Rückschritte gibt. In Europa sind alle Trainingseinheiten sehr organisiert, dauern eineinhalb Stunden und dann gehen die Spieler nachhause und essen und machen ihre Hausaufgabe, aber das war es dann auch. In anderen Ländern, vor allem Ländern, denen es weniger gut geht wie in Brasilien, dort gehen die Jungen in der Früh zum Training und danach spielen sie schon wieder Fußball. Da sind manche Kinder sieben, acht Stunden täglich mit dem Ball beschäftigt. Unsere Kinder sind es vielleicht eineinhalb bis zwei Stunden, da gibt es dann natürlich riesige Unterschiede im Bereich Technik und bei Eins gegen Eins oder Eins gegen Zwei-Situationen. Jetzt machen wir hier eh schon wenig, darauf will ich hinaus, durch die ganze Situation machen wir eigentlich noch weniger. Für die Entwicklung unserer Spielerinnen und Spieler ist das nicht gut.

Sehen Sie eine Altersgruppe, die von den Folgen der Corona-Krise im Hinblick auf deren fußballerische Entwicklung besonders betroffen ist?

Für mich betrifft das jeden. Spieler an der oberen Schnittstelle, die auf dem Sprung in die Kampfmannschaft sind, verlieren auf einmal ein halbes oder dreiviertel Jahr. Einer der auf dem Sprung in die Akademie ist, hat das gleiche Problem. Im unteren Bereich, wo das erste goldene Lernalter angesiedelt ist, da verlieren sie genauso. Wir haben den Lockdown schon im März, April, Mai und wenn sich das bis August oder September hinzieht, bis man wieder Drei gegen Drei spielen darf, sind das mindestens fünf Monate. Davor hatte man noch die Winterpause von sechs Wochen oder manche haben sogar zwei Monate Pause. Da geht halt schon sehr viel Zeit verloren in der Ausbildung.

Worauf gilt es aktuell im Nachwuchstraining besonders Wert zu legen, um die Ausbildung, den Umständen entsprechend, bestmöglich vorantreiben zu können?

Ich bin generell ein Freund von differenziertem Lernen und kein Freund minutenlang die gleichen Übungen einschleifen zu lassen. Ich schaue, dass meine Übungen sehr differenziert sind, weil da die Aufmerksamkeit sehr hoch ist. Man trainiert zum Beispiel viele verschiedene Möglichkeiten im Ballbeherrschungsbereich oder auch Passspiel und alles gekoppelt mit Torabschlüssen. Jeder jammert, dass wir keine offensiv gefährlichen Spieler haben. Das ist jetzt die ideale Zeit dafür und da kommt natürlich auch der Spaß dazu, dass ich einen Torschuss oder ein Passspiel mit einem Erfolg abschließe. Was auch oft vernachlässigt wird, ist das Kopfballspiel. Ich kenne einige Spielerinnen und Spieler, die Probleme haben mit dem Kopfballspiel. Wenn ich Trainingsprogramme anschaue, müssen viele Trainer sagen, dass sie im Kopfballspiel fast nichts gemacht haben. Warum ist das so? Es gibt generell wenig Zeit zu trainieren und da bleibt leider immer etwas außen vor. Wenn man wieder ins Eins gegen Eins gehen darf, bin ich auf jeden Fall ein Freund davon solche Situationen zu lösen, zu dribbeln, kreativ zu sein und den Torabschluss zu suchen. Natürlich beginnt dann wieder das mannschaftsbezogene Spiel.