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Nach Diskussion um Rückkehr von Thomas Müller oder Jerome Boateng: Hat sich die DFB-Elf vom FC Bayern emanzipiert?

November 11, 2020

Wenn Deutschland in den nächsten Tagen auf Tschechien (Mittwoch), die Ukraine (Samstag) und Spanien (Dienstag) trifft, wird das Spiel der Löw-Elf nicht von Spielern des FC Bayern München getragen werden. Das war einmal anders. Aber was ist passiert?

Das Erfolgsmodell der WM 2014

Für Jahrzehnte war der Erfolg der deutschen Nationalmannschaft eng mit dem Leistungspotenzial von Bayern München verbunden. Lief es beim Rekordmeister rund, profitierte die Nationalmannschaft stets davon. Das beste Beispiel war natürlich die Phase um 2013/14, als erst die Bayern die Champions League gewannen und ein Jahr später die DFB-Auswahl den WM-Titel nach Deutschland bringen konnte.

Allerdings scheint dieses Abhängigkeitsverhältnis seit kurzem aufgelöst. Die Anzahl der Bayern-Spieler in der Stammelf der Nationalmannschaft ist mittlerweile überschaubar. Denn allenfalls Manuel Neuer, Joshua Kimmich und Serge Gnabry sind unangefochtene Stammspieler unter Bundestrainer Joachim Löw, der zuletzt öffentlich kundtat auch weiterhin zu seiner Entscheidung zu stehen, auf die Dienste von Jérôme Boateng und Thomas Müller freiwillig zu verzichten. Sicherlich haben auch Leroy Sané und Leon Goretzka die Klasse, um bei der Nationalmannschaft eine tragende Rolle zu spielen, aber die Dichte an Bayern-Spielern in der DFB-Auswahl hat generell abgenommen.

 

Abhängigkeit wurde aufgelöst

Darüber hinaus, und das erscheint noch wichtiger, orientiert sich Löw nicht mehr am Spielstil der Bayern. Um 2010 oder 2014 herum war das noch anders. Als etwa Pep Guardiola mit seiner bekannten Philosophie des Positionsspiels (El juego de posición), den Stil der Bayern nachdrücklich veränderte, nahm auch Löw Anleihe, indem er sein Team dazu veranlasste, eine noch methodischere Ballzirkulation zu exerzieren. Natürlich können Nationalteams von Natur aus keine so radikale Spielphilosophie wie Clubmannschaften verfolgen, weil ihnen dafür die Zeit auf dem Trainingsplatz fehlt und die personellen Konstellationen einem ständigen Wandel unterliegen.

Trotzdem bestand im Verhältnis zwischen den Bayern und der DFB-Elf auch immer eine Art intellektuelle Dependenz. Dies veränderte sich aber aufgrund zweier Entwicklungen: Zum einen verlor Bayerns Spielweise unter Carlo Ancelotti und später Niko Kovač zusehends ihre scharfen Konturen. Zum anderen erlitt die Nationalmannschaft bei der WM 2018 eine derartige Bruchlandung, dass sich Löw dazu entschied, die taktische Ausrichtung komplett zu ändern. Wenngleich Hansi Flick die Bayern wieder zum dominanten Ballbesitzfußball zurückgeführt hat, bleibt Löw beim vornehmlich Tempo-orientierten Stil, von dem er sich Erfolg in der Zukunft verspricht.

 

Bayern könnten trotzdem Vorbild sein

Mit dieser Einstellung von Bundestrainer Löw hängt unweigerlich zusammen, dass er die DFB-Auswahl spielerisch auf breite Beine stellen möchte. Das bedeutet: In den nächsten Jahren sollen tempo- und umschaltstarke Akteure wie Timo Werner, Kai Havertz oder auch Lukas Klostermann eine ebenso tragende Rolle wie die bayerischen Stammkräfte spielen. Zudem weiß Löw, dass er beispielsweise Kimmich, Gnabry und Goretzka ohne Probleme in einem weniger Ballbesitz-lastigen System einsetzen kann. Löw muss sich nicht mehr zwangsläufig daran orientieren, was beim deutschen Rekordmeister passiert.

Das Gegenargument zu dieser Vorgehensweise liegt allerdings auf der Hand: Die Bayern sind womöglich die momentan beste Mannschaft der Welt. Es wäre insofern überhaupt nicht verwerflich und vielleicht sogar logisch, die Nationalmannschaft sehr stark am FC Bayern auszurichten und so viel wie möglich zu kopieren. Mit Hansi Flick arbeitet schließlich auch der langjährige Assistent Löws mittlerweile als Cheftrainer bei den Bayern – und die bereits erwähnten Stammkräfte der Münchner, inklusive der nicht mehr berücksichtigten Boateng und Müller, könnten ein wettbewerbsfähiges Gerüst darstellen.

Aber Bundestrainer Löw möchte seinen eigenen Weg gehen und die Nationalmannschaft nach seinen Vorstellungen weiterentwickeln. Die letzten Jahre haben ihn dazu veranlasst. Und zugleich kann er sein eigenes Profil als Taktiker stärker schärfen.